Montage zur Montage von Mag. Robert Buchschwenter

Montage ist die einzige neue Kunstform, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. (Alfred Hitchcock)

Die Geschichte des Films hat zwei Anfänge, schreibt der Filmhistoriker Mark Le Fanu: Den ersten, als die fotografischen Bilder sich zu bewegen begannen, den zweiten, als zwei Filmstreifen zum ersten Mal zusammengefügt wurden. Mit diesem zweiten Anfang wird aus dem technischen Verfahren, mit dessen Hilfe sich Welt in Teilansichten abbilden lässt, ein ästhetisches Mittel, um sie als Sinnbild von Realität erfahrbar zu machen. Mit diesem zweiten Anfang beginnt die Vorstellung von Welt als Erlebnisraum, der sich jenseits der Einstellung in einem als schlüssig empfundenen raumzeitlichen Kontinuum entfaltet.

Man kann sich Montage nicht anders nähern, als sie über das zu definieren, was sie eigentlich nicht ist: über das Andere, das Draußen, das Dargestellte. Wir sind gezwungen, von den Bildern zu reden, die an einen Schnitt grenzen. (Jan Speckenback)

Die Montage vervollständigt nicht nur das, was als ihr unmittelbares Ergebnis sichtbar wird/bleibt. Sie vermittelt vielmehr ein Gefühl für die Beschaffenheit des Raumes, der an dieses Sichtbare angrenzt, um Spielraum für unsere Sehnsüchte, Ängste und Erkenntnisse zu sein. Sie taucht uns in einen Zeitfluss, der unsere Erlebenszeit weit über die Grenzen des augenblicklich Erlebten hinaus prägt.

Am Schneidetisch wird ein zweites Drehbuch erstellt, das bezieht sich auf das Tatsächliche und nicht auf die Absichten. Am Schneidetisch, wenn das Bild vor- und zurückläuft, erfährt man die Eigenständigkeit des Bildlichen. So wie die Zeitlupen beim Fußballübertragen unseren Blick geschult haben für die versteckten Fouls und vorgetäuschten Fouls, lernt man am Schneidetisch die Fouls und vorgetäuschten Fouls einer Inszenierung sehen.
(...) Am Schneidetisch wird aus Gestammel Rhetorik. Weil es diese rhetorische Artikulation gibt, ist der Diskurs ohne Artikulation im Schneideraum Gestammel. (Harun Farocki)

In der semiotisch orientierten Filmtheorie wird die Montage oft als die Syntax der Filmsprache bezeichnet. Eine Syntax stellt Muster und Regeln, nach denen Wörter zu größeren funktionellen Einheiten zusammengestellt und Beziehungen wie Teil–Ganzes, Abhängigkeit etc. zwischen diesen formuliert werden.
Daher ist Montage immer mehr als Syntax. Wenngleich es Muster und Regeln für sie gibt, erschöpft sie sich nicht darin. Eine gelungene Montage erfindet sich in ihrer Artikulation neu – so wie ein eloquenter Redner sich nicht mit Phrasen begnügt, sondern sich während des Sprechens als Persönlichkeit situativ neu erfindet.

Die Montage ist ein Prozess der Intelligenz und der Assoziation. Das macht das Denken fruchtbar. Da bekommt man eine Sympathie für das eigene Gehirn. Für die Fähigkeit, denken zu können. Die Montage ist etwas sehr Fruchtbares für die Intelligenz. Und insofern auch etwas sehr Angenehmes, Glückvolles eigentlich. (Richard Dindo)

Wirklichkeit lässt sich bei gleich bleibender Wahrnehmung auf die unterschiedlichsten Weisen denken. Das Denken strukturiert das Chaos, das die Wirklichkeit im Moment der Wahrnehmung hinterlässt: als normiertes, als logisches, als poetisches etc. Die Montage ist das strukturierende Moment, durch welches abgebildete Wirklichkeit denkmögliche Gestalt annimmt.
Wirklichkeit lässt sich allerdings auch träumen. Die traummögliche Gestalt bildet den äußeren Rand des Gestaltungsspektrums, innerhalb dessen die Montage strukturierend wirkt.

Jede Einstellung ist ein visuell ausformulierter Gedanke oder eine Kette von Gedanken. Bevor ein Gedanke seine Kraft verliert, schneidet man. Es soll der Moment sein, in dem der Impuls, zur nächsten Einstellung überzugehen, am stärksten ist, sodass der Zuschauer in sie hineingestoßen wird. Dauert die Einstellung zu lange, stirbt der Impuls ab, und wenn dann die nächste Einstellung kommt, fehlt ihr eine gewisse Energie. (Walter Murch)

Die Montage ist eher verbal als schriftlich. Sie ist eher musikalisch als verbal. Sie ermöglicht eine Form des Ausdrucks, der im Rhythmus präzise und Bedeutungen gegenüber aufgeschlossen ist.

Der Schnitt ist einer der emotionalsten Aspekte des Filmemachens.
Es ist ungemein aufregend zu sehen, wie der Film zu atmen beginnt. (Federico Fellini)

Das Schneiden ist der einzige Vorgang, bei dem der Film keine Anleihen bei anderen Künsten macht. Man kann doch sagen, dass das Drehbuchschreiben eine Anlehnung an die Literatur darstellt, das Proben vor der Kamera dem Theater entliehen ist, das Drehen eine Anwendung der Photographie bedeutet. Nur beim Schneiden ist der Film ganz bei sich, er hat etwas, was keine andere Kunstform aufweisen kann. (Stanley Kubrick)